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Gemeinsam statt einsam: Moringen setzt ein Zeichen gegen Einsamkeit

Rund 80 Gäste diskutieren beim 8. Präventionstag über Einsamkeit, gesundheitliche Folgen und Wege zu mehr Gemeinschaft.

Moringen, 28. Oktober 2026. Einsamkeit ist unsichtbar, kann schmerzhaft sein und jeden Menschen treffen. Wie sie entsteht, welche gesundheitlichen Folgen sie haben kann und wie Gemeinschaft im Alltag gelingen kann, stand im Mittelpunkt des 8. Präventionstages in der Stadthalle Moringen. Rund 80 Gäste waren der Einladung unter dem Titel „Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung: Wenn Alleinsein krank macht“ gefolgt.

Organisiert wurde die Veranstaltung gemeinsam von der Stadt Moringen, dem ZWAR-Netzwerk Moringen und der Gesundheitsregion Göttingen/Südniedersachsen. Nach der Begrüßung durch Bürgermeisterin Heike Müller-Otte eröffnete Moderator Jörg Grabowsky, Marketingleiter des Albert-Schweitzer-Familienwerks und Vorsitzender des SC Schoningen, den Abend mit einer klaren Botschaft: „Meine Mission: Menschen zusammenbringen.“

Einsamkeit ist mehr als Alleinsein

Den fachlichen Impuls lieferte Corinna Engelke, Koordinatorin für kommunale Gesundheitsförderung bei der Gesundheitsregion Göttingen/Südniedersachsen und dem Bündnis gegen Depression in Südniedersachsen. In ihrem Vortrag „Zwischen Verbundenheit und Isolation – Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung“ beleuchtete sie anhand emotionaler Bilder und aktueller Erkenntnisse der Einsamkeitsforschung die Bedeutung sozialer Beziehungen für die menschliche Gesundheit.

Dabei stellte sie einen wichtigen Unterschied heraus: Alleinsein ist zunächst eine Situation, Einsamkeit hingegen ein subjektives Gefühl. Sie entsteht, wenn die vorhandenen sozialen Beziehungen nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Während Alleinsein durchaus positiv und selbstbestimmt erlebt werden kann, kann anhaltende Einsamkeit psychisch und körperlich belasten.

Engelke spannte den Bogen von den sozialen Überlebensstrategien früher Menschen über die Erfahrungen der Corona-Pandemie bis hin zu den Veränderungen unserer heutigen Gesellschaft. Familien leben häufig weiter voneinander entfernt, Nachbarschaftsstrukturen verändern sich und immer mehr Menschen verbringen ihren Alltag allein. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zudem, dass sich die Verarbeitung sozialer Zurückweisung teilweise mit den neuronalen Prozessen körperlichen Schmerzes überschneidet.

Besonders im ländlichen Raum stellen eingeschränkte Mobilität und der Verlust von Begegnungsorten zusätzliche Herausforderungen dar. Im Landkreis Northeim leben rund 126.000 Menschen. Etwa 24 Prozent der Bevölkerung sind älter als 66 Jahre, rund 41 Prozent der Haushalte sind Einpersonenhaushalte. Diese Zahlen belegen keine zunehmende Einsamkeit, verdeutlichen jedoch, wie wichtig erreichbare Angebote und soziale Teilhabe sind.

Eine konkrete Perspektive stellte Engelke mit der Projektidee „Rezept für Gemeinsamkeit“ vor, die der Landkreis Northeim 2026 als Bestandteil einer integrierten Einsamkeitsstrategie auf den Weg gebracht hat. Das Konzept des sogenannten Social Prescribing verbindet medizinische Versorgung mit sozialen Angeboten. Menschen, die beispielsweise nach dem Verlust eines Partners oder durch eingeschränkte Mobilität zunehmend isoliert leben, könnten gezielt auf einen Mittagstisch, eine Wandergruppe, eine Garteninitiative oder einen Besuchsdienst aufmerksam gemacht werden.

Soziale Teilhabe ersetzt keine medizinische Behandlung, kann aber ein wichtiger Bestandteil eines ganzheitlichen Gesundheitsverständnisses sein.

Die zentrale Botschaft: „Einsamkeit ist keine Schwäche. Sie ist eine menschliche Erfahrung, die durch Lebensumstände, gesellschaftliche Veränderungen und fehlende soziale Verbundenheit entstehen kann.“ Gemeinschaft müsse aktiv ermöglicht werden – durch Begegnungsorte, Mobilität und Menschen, die aufeinander zugehen.

Fünf Perspektiven, ein gemeinsames Ziel

Im Anschluss diskutierten fünf Vertreterinnen und Vertreter aus unterschiedlichen Bereichen über Erfahrungen, bestehende Angebote und zukünftige Herausforderungen.

Klaus Henne stellte die Arbeit des ZWAR das Netzwerk „Zwischen Arbeit und Ruhestand“ Netzwerks Moringen vor, das er gemeinsam mit Günter Reinert koordiniert. Rund 22 verschiedene Gruppen mit ca 200 TeilnehmerInnen engagieren sich in dem Netzwerk, das insbesondere Menschen ab 55 Jahren beim Übergang zwischen Berufsleben und Ruhestand neue Perspektiven eröffnet. Ob Wandern, Boule, Fotografie, gemeinsames Kochen, Malen oder Spielegruppen: Die zahlreichen Aktivitäten zeigen, wie vielfältig Begegnungen entstehen können, wenn Menschen eigene Interessen einbringen und Gemeinschaft selbst gestalten.

Stefan Kanig, Leiter der AWO-Trialog-Tagesstätte Duderstadt, berichtete über die Männerrunde Duderstadt. Das 2024 entstandene Begegnungsangebot bietet Männern unterschiedlicher Altersgruppen Raum für Austausch und gemeinsame Aktivitäten. Die Initiative erreichte unter anderem den dritten Platz beim Gesundheitspreis Südniedersachsen 2025 und wurde auch überregional medial aufgegriffen.

Regina Meyer, Leiterin des Referats Demografie und Sozialplanung beim Landkreis Göttingen, lenkte den Blick auf die strukturellen Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe. Bezahlbarer Wohnraum, Mobilität im ländlichen Raum, ärztliche Versorgung und die Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements gehören zu den Themen, die für die Zukunft der Kommunen entscheidend sind.

Auch Bürgermeisterin Heike Müller-Otte, deren Amtszeit sich dem Ende nähert, unterstrich die Bedeutung des Engagements vor Ort. Initiativen wie das ZWAR-Netzwerk stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und schaffen Möglichkeiten, sich aktiv in das Leben der Stadt einzubringen.

Jens Woiszcyk, Koordinator der Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfebereich (KIBIS) beim Gesundheitszentrum Göttingen, stellte die Bedeutung der Selbsthilfe heraus. In Stadt und Landkreis Göttingen gibt es rund 200 Selbsthilfezusammenschlüsse zu unterschiedlichen Themen. Auch eine neue Selbsthilfegruppe zum Thema Einsamkeit ist in Göttingen geplant. Der Austausch mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen kann Betroffenen Unterstützung und neue Perspektiven eröffnen.

Gemeinschaft beginnt im Alltag

Die Diskussion machte deutlich: Einsamkeit lässt sich nicht mit einer einzelnen Maßnahme bekämpfen. Es braucht medizinische und psychosoziale Unterstützung, niedrigschwellige Begegnungsangebote, erreichbare soziale Strukturen und vor allem Menschen, die bereit sind, aufeinander zuzugehen.

Moderator Jörg Grabowsky zeigte sich beeindruckt vom Engagement in Moringen: „Das ZWAR-Netzwerk zeigt auf wunderbare Weise, wie Menschen unkompliziert zusammenfinden und der Einsamkeit entgegenwirken können.“ Besonders gefreut habe ihn, dass rund 80 Gäste so aufmerksam und interessiert dabei gewesen seien. Der Vortrag von Corinna Engelke habe ein gesellschaftlich schwieriges und emotionales Thema sympathisch und verständlich vermittelt.

Der Präventionstag setzte damit ein deutliches Zeichen: Gemeinschaft entsteht nicht automatisch. Sie wächst dort, wo Menschen einander wahrnehmen, Begegnungen ermöglichen und Verantwortung füreinander übernehmen. Manchmal braucht es dafür kein großes Projekt, sondern nur einen Anruf, einen gemeinsamen Spaziergang oder einen freien Platz am Tisch.

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